Spice im Liebesroman: Ist das schon Erotik?

Spice im Liebesroman

Kurz vor Weihnachten war ich mit meiner Tochter in einer Buchhandlung. Sie hatte noch einen Gutschein, der nach der pubertätsbedingten Leseflaute endlich eingelöst werden wollte. Statt des gewünschten Buches – sie wollte “Das Schicksal ist ein mieser Verräter” von John Green kaufen, was aber erst bestellt werden musste – kam ein anderes Buch aus dem Young Adult Regal mit. Bei dem dunklen Cover hätte ich vielleicht aufmerksam werden müssen, aber wie es so ist, ging das Buch über den Verkaufstisch und erst zu Hause wurde uns klar, was wir da eigentlich gekauft hatten. Mit ihrem Einverständnis durfte ich es zuerst lesen.

Was ist mit Spice gemeint?

Reden wir über Spice im Liebesroman, sind keine Gewürze gemeint, auch wenn einige Blogger:innen als grafische Darstellung gern Chilischoten als Bewertungsschema hernehmen. Ein Roman, der nach dem Kuss konsequent ausblendet, würde danach wohl mit gar keinen Chilis ausgezeichnet werden. Wohingegen Fifty Schades of Grey (Kann man die Reihe eigentlich schon als Großmutter von Dark Romance bezeichnen?) wohl volle fünf Chilis einheimsen darf. Volltreffer! Zumindest, wenn wir nach dem Bewertungsschema von Amazon ausgehen.

Spice meint also die erotischen Anteile. Je mehr, je detaillierter, desto heißer wird es.

Spice – die Würze des Lebens?

Wie viel Spice darf es im Liebesroman sein? Reicht es, wenn das Paar, das nach etlichen Irrungen und Wirrungen endlich zueinander gefunden hat, sich küsst und dann der Vorhang fällt? Oder fällt der Vorhang etwas später? Wann darf sich der Mantel des Schweigens über alles legen und die schönste Nebensache der Welt, der Fantasie der vorwiegend weiblichen Leserschaft, überlassen werden?

Oder soll jedes Detail beschrieben werden? Wie nah soll der Zoom herangefahren werden? Wo scheiden sich die Geister, wann wird es geschmacklos? Oder ist es eine Frage des Untergenres? Liebesroman ist nicht gleich Liebesroman. Richtet er sich, wie im Young und New Adult, an junge, eventuell noch unerfahrene Leserinnen? Oder an erwachsene Frauen, die fest im Leben stehen und sich über ihre Sexualität im Klaren sind? Geht es dabei nur um die Vorlieben der Lesenden oder auch um die innere Stimme des Schreibenden, die irgendwann Einhalt gebietet?

Oder doch nur eine Frage des Geldes? Denn spätestens nach Fifty Shades of Grey wissen wir: Sex sells! Auch in der Buchbranche.

Sex gehört doch dazu!

Sex gehört dazu. Im wahren Leben, wie auch in der Fiktion, kommt es unweigerlich irgendwann dazu (zumindest wenn Liebe im Roman eine Rolle spielt). Gut, es gibt durchaus Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen auf fleischliche Lust verzichten, aber bei den meisten kommt es wohl nach den ersten unschuldigen Berührungen, den ersten verliebten Blicken und gestohlenen Küssen zu mehr körperlicher Nähe. In gewisser Weise zeigt Sex vielleicht gar den Status einer Beziehung. Gerade wenn man frisch verliebt ist, tanzen die Hormone Samba und man kann es kaum erwarten, einander näherzukommen. Warum soll es den Figuren im Liebesroman also anders gehen?

Eine erotische Szene zu schreiben, erfordert Mut. Als Autor macht man sich angreifbar und nicht zuletzt tobt da vielleicht der Gedanke im Kopf: Was, wenn die Nachbarn das lesen? E. L. James erzählte in einem Interview, dass sie nicht nur einmal gefragt wurde, ob die im Buch geschilderten Sexpraktiken zu ihrem Repertoire gehören.

Nun, ich gestehe, allein die Vorstellung jagt mir eine Gänsehaut über den Rücken. “Ist mir egal, was andere über mich denken”, an diesem Punkt bin ich (leider?) noch nicht angelangt.

All diese Bedenken müssen fallen, wenn man spicy Szenen schreiben möchte. Das ist in der Tat alles andere als einfach. Also lieber doch den Vorhang des Schweigens fallen lassen? Auf den Akt selbst verzichten?

Sex sells!

Natürlich gab es schon lange vor Fifty Shades erotische Literatur. Selbst in der Antike finden sich erotische Merkmale in Liedern und Gedichten. Doch lange haftete dem Genre das Schmuddelimage an, handelte man Derartiges unter der Ladentheke. Heute sind wir so weltoffen, dass Erotik selbst in das Genre Young und New Adult Einzug hält.

Wie bitte? Liebesromane, die sich hinter Pastelltönen verstecken und sich an junge Mädchen zwischen 16 und 20 richten? Ja, genau. Zugegeben, das Cover des Buchs, von dem ich am Anfang erzählt habe, war nicht pastellig, sondern dunkel gehalten. Schwarz, mit Silber- und Goldeffekten, doch die ganze Aufmachung schrie nach New Adult. Gefunden haben wir es in einer Buchhandlung, wo beide Untergenres (Young und New Adult) sich ein Regal teilten. Das Bestsellerfähnchen lockte zum Kauf, die Rezensionen allein auf Amazon waren zu diesem Zeitpunkt bereits jenseits der 5.000er–Marke. Nein, ich werde weder Titel noch Autorin hier nennen. Es spielt auch keine so große Rolle, denn es ist kein Einzelbeispiel.

Ja, aber in dem Alter wollen Mädchen doch wissen, wie …

Ich möchte gar nicht widersprechen. Die Frage ist jedoch: Wie wird der Sex dargestellt? Wie detailliert? Und auf welche Art und Weise? Denn noch eine Beobachtung mache ich. Trotz der MeToo Bewegung, trotz Diskussionen über Gleichberechtigung und Feminismus – Sex allein reicht bei Weitem nicht mehr. Die Handlung selbst war dünn, wie ein fadenscheiniges Hemd, und so hangelten sich die Protagonisten von einer Sexszene zur nächsten.

Spice allein ist nicht genug!

Dark Romance, mit ihren Bad Boys bedient die dunkle Seite von Erotik und Lust. Hier geht es nicht mehr um Blümchensex. Härtere Spielarten werden ausprobiert und immer öfter lese ich, dass Gewaltfantasien hinzukommen. Sicher, wenn erwachsene Frauen das gern lesen möchten, haben sie jedes recht dazu. Es jungen Leserinnen vorzusetzen, unter dem falschen Label “Young Adult”, finde ich grob fahrlässig. Warum? Weil es um Vergewaltigungsfantasien geht, um Züchtigung und pure Gewalt. Alles unter dem Deckmantel der schweren Vergangenheit des begehrenswerten Schönlings. Oder der mehr als fragwürdigen Erklärung, dass sie ja gar nicht anders kann, weil ihr Körper auf ihn reagiert. Da finden sich zuweilen geladene Pistolen, die ihr eingeführt werden und erzwungene Abtreibungen im Hotelzimmer, weil der “Spaß” plötzlich Konsequenzen nach sich zog.

Detaillierte Beschreibungen des eigentlichen Aktes sind scheinbar nicht mehr ausreichend. Es braucht eine gehörige Portion dieses “mehr”. Was dabei leider auf der Strecke bleibt, ist die Geschichte. Denn diese spicy Szenen tauchen alle 20 Seiten erneut auf, wiederholen sich, wie ein lästiger Schluckauf. Kein Wunder wird es manchen Leserinnen dabei schlicht und ergreifend übel.

Eine Frage des Alters?

Zunehmend höre ich aber auch von Leserinnen, dass sie diese expliziten Szenen nicht lesen möchten. Dass sie keinen Bedarf daran haben, jedes Detail vorgesetzt zu bekommen, egal ob dark oder romantisch. Zu viel Spice verdirbt nicht nur die Suppe, sondern einigen Leserinnen auch die Freude am Liebesroman.

Aus den oben aufgeführten Gründen halte ich es für zunehmend wichtig, Jugendliche zu schützen. In bestimmten Genres, zu denen insbesondere die beliebten Dark Romance gehören, wird ein Bild vermittelt, das unerfahrenen jungen Frauen ein völlig falsches Bild von Sexualität vermittelt. Im Bereich Film gibt es die FSK als freiwillige Empfehlung. In der Buchhandlung hätte ich mir mehr Verantwortungsbewusstsein und Beratung gewünscht.

Sich mit einer Contentwarnung aus der Verantwortung ziehen zu wollen, reicht hier nicht, wenn zeitgleich die Aufmachung und die Einsortierung in das Genre Young und New Adult erfolgt. Gerade junge Mädchen, die nach dem typischen Abflauen des Lesens in der Pubertät, mit ca. 16 Jahren wieder zum Medium Buch greifen, und ein natürliches Interesse an Sexualität haben, sollten nicht in die Irre geführt werden. Diese jungen Menschen sind auf der Suche nach ihrer eigenen Identität und suchen Antworten danach, wie Partnerschaft und Sexualität erfüllt gelebt werden können. Sexualisierter Gewalt vermittelt völlig falsche Vorstellungen und auch wenn die jungen Frauen in der Lage sind, Fiktion und Realität zu unterscheiden, bleibt eine Wahrheit bestehen: Wir sind, was wir konsumieren. Umgeben wir uns mit negativen Gedanken, nimmt unser Gehirn dies auf und je mehr wir aufnehmen, desto gefestigter werden die neuronalen Verbindungen.

Besagtes Buch enthielt übrigens keine – einen Hinweis auf problematische Inhalte.

Die Spice-Skala: Hier bekommst du höchsten zwei Chilis

In meinen Romanen gibt es keinen Zoom auf Geschlechtsteile. Ich denke, entweder weißt du, wie ein Penis und eine Vulva aussehen oder du bedienst dich einem anatomischen Lehrbuch. Ich werde nie vergessen, wie meine Lektorin mich eines Tages fragte, ob Chris, meine Hauptfigur, die Frau seines Herzens denn nicht mag, weil ich um die erotische Szene herumgeschlichen bin, wie der Tiger um seine Beute. Nur war die Beute am Ende verschwunden und es gab sie einfach nicht, die Sexszene.

Ich hatte die Hoffnung gehabt, ich könnte mich darum mogeln. Natürlich hat es nicht funktioniert, denn meine Lektorin hatte wie immer ein wachsames Auge und ich bin ihr sehr dankbar dafür. Ich musste also eine Szene schreiben, in der dem Paar kein plötzlicher Besuch dazwischenkam, kein Kuchen anbrannte, kein Sturm das Dach abdeckte oder was ich mir sonst an kleinen Unterbrechungen ausgedacht hatte.

Meine Leserinnen spüren, hier kommen sich zwei Menschen nahe. Sie spüren und erkunden sich, werden erregt durch die Berührung des anderen. Aber ich verzichte auf seitenlange Beschreibungen des eigentlichen Aktes. Mir ist wichtig, dass der Sex einvernehmlich ist und frei von Gewalt. In jedem meiner Romane. Wenn ich mir vorstelle, dass ein 15-jähriges Mädchen mein Buch in die Hand bekommt, möchte ich guten Gewissens sein. Es braucht keine Anleitung für besseren, krasseren, wilderen Sex. Das wirst du in meinen Geschichten nicht finden und ich muss sagen, ich hoffe sehr, dass sich dieser Trend wieder wandelt. Dass es die Geschichten sind, um die es geht, und nicht um einen Wettbewerb und Sensationsheischerei.

Das bestellte Buch “Das Schicksal ist ein mieser Verräter” haben wir dann übrigens am 23. Dezember abgeholt und sie hat es bereits gelesen. Das andere liegt noch immer hier. Ich quäle mich durch die letzten Seiten und überlege derweilen, ob ich es meiner Tochter gebe oder sie sich von dem Geld lieber ein anderes kaufen soll.

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